Letalität

Ein Letalfaktor bezeichnet ein Genlokus, dessen homozygote Ausprägung (also wenn beide Elterntiere das entsprechende Gen tragen) zum Tod des betroffenen Organismus führt. In der Farbrattenzucht äußert sich dies meist durch das Absterben der Embryonen bereits in der frühen Entwicklungsphase oder kurz nach der Geburt.

Die bisher bekannten Letalfaktoren bei Farbratten sind dominant vererbt, zeigen jedoch im heterozygoten Zustand (einfacher Genbesatz) keine negativen Auswirkungen auf die Gesundheit oder Lebensfähigkeit des Tieres. Alle bekannten letalen Gene gelten als letalitätsäquivalent, was bedeutet, dass die Sterblichkeit bei homozygoter Vererbung bei 100 % liegt.

Auswirkungen auf die Trächtigkeit und das Muttertier

  • Das Absterben der betroffenen Embryonen erfolgt in der Regel frühzeitig, sodass das Gewebe resorbiert wird und äußerlich keine Auffälligkeiten erkennbar sind.
  • In seltenen Fällen kann die Resorption abgestorbener Embryonen zu Entzündungsreaktionen im Muttertier führen, die eine systemische Belastung oder Vergiftung verursachen.
  • Diese Komplikationen können zum Verlust der gesamten Nachzucht führen und im Extremfall eine medizinische Intervention oder Euthanasie des Muttertiers erforderlich machen.

Bedeutung für die Zuchtpraxis

Eine verantwortungsvolle Zucht setzt ein fundiertes Verständnis der Genetik voraus, insbesondere im Hinblick auf die Vererbung von Letalfaktoren und die Auswahl geeigneter Zuchtpartner.

Verpaarungen, bei denen beide Elterntiere Träger desselben Letalfaktors sind, sollten grundsätzlich vermieden werden, da sie keine lebensfähige Nachzucht hervorbringen.

Da heterozygote Tiere gesunden Nachwuchs erzeugen können, ist die Zucht mit Trägertieren unter Berücksichtigung genetischer Kenntnisse möglich.

In der folgenden Tabelle findest du eine Auswahl von Genen, die bei Ratten in homozygoter Form tödlich wirken können. Die Informationen basieren auf bekannten genetischen Prinzipien und Beispielen aus der Tierzucht:

Gen Risiko
SilvermaneUngefährlich für die Mutter, Welpen sterben früh, kleinere Würfe möglich
MerleUngefährlich für die Mutter, Welpen sterben früh, kleinere Würfe möglich
PearlUngefährlich für die Mutter, Welpen sterben früh, kleinere Würfe möglich
MarbleUngefährlich für die Mutter, Welpen sterben früh, kleinere Würfe möglich
DalmatianGefährlich! Welpen oft missgebildet und nicht lebensfähig. Risiko für die Mutter durch Geburt oder Vergiftung
Down UnderJe nach Ausprägung des ZEP2-Gen letal. WEITERE INFOS

Aganglionäres Megacolon

Beim aganglionischen Megacolon fehlen Abschnitte von Ganglienzellen im Dickdarm. Diese Nervenzellen steuern die Peristaltik des Darms. Ohne sie kommt es zu einer pathologischen Erweiterung des Darmlumens und zu chronischer Obstipation. Klinisch zeigt sich das durch Blähungen, aufgeblähtem Abdomen, Fressunlust, gestörtem Kotbasatz und Wachstumsstörungen.

Zusammenhang zwischen Leuzismus und aganglionärem Megacolon bei Ratten

Beide Phänomene – Pigmentverlust und fehlende Darmnerven – gehen auf denselben embryonalen Ursprung zurück. Neuralleistenzellen sind Vorläufer sowohl der Melanozyten als auch der enterischen Nervenzellen. Eine Mutation in Genen, die die Wanderung dieser Zellen steuern, kann daher gleichzeitig zum Weißfärbungs­muster und zum Megacolon führen. Dieser genetische Mechanismus ist vergleichbar mit dem „Lethal White Foal Syndrome“ beim Pferd.

Aber: Leuzismus allein führt nicht automatisch zu einem aganglionären Megacolon.

Viele Ratten zeigen weiße Fellabzeichen aufgrund von Mutationen in Genen wie c-Kit oder Mitf, die ausschließlich die Melanozyten betreffen. Diese Tiere sind pigmentär verändert, besitzen aber ein völlig intaktes enterisches Nervensystem und entwickeln kein Megacolon.

Nur wenn die ursächliche Mutation die Wanderung der Neuralleistenzellen so stark beeinträchtigt, dass sowohl Melanozyten als auch enterische Ganglienzellen ausfallen (zum Beispiel bei bestimmten Ednrb- oder Pax3-Defekten), kommt es gleichzeitig zu Leuzismus und aganglionärem Megacolon. In solchen Fällen fehlt ein Darmabschnitt an Nervenzellen, die Peristaltik bleibt aus und der Dickdarm weitet sich pathologisch.

Kurz gefasst:

  • Leuzismus ≠ Megacolon
  • Leuzismus + ENS-Defizit durch Neuralleistendefekt = Megacolon

Quelle

Fachinformation
aus dem Ausschuss für Genetik und
Labortierzucht

https://www.gv-solas.de/wp-content/uploads/2018/09/Nomenklatur-Gene-Mutationen-Transgene_09-2018-1.pdf

Herbarth, B., Pingault, V., Bondurand, N., Kuhlbrodt, K., Hermans-Borgmeyer, I., Puliti, A., Lemort, N., Goossens, M., & Wegner, M. (1998). Mutation of the Sry-related Sox10 gene in Dominant megacolon, a mouse model for human Hirschsprung disease. Proc Natl Acad Sci U S A, 95(9), 5161-5. Retrieved December 22, 2008,

https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC20231

McKusick, V. (1991, July 12). Endothelin receptor, type B; EDNRB. Retrieved December 22, 2008,

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/dispomim.cgi?id=131244

McKusick, V. (1993, September 10). Hirschprung’s Disease. Retrieved December 22, 2008,

https://embryology.med.unsw.edu.au/omimfind/git/omim-142623.htm

Waardenburg Syndrome. (1999, March 1). Retrieved December 22, 2008,

https://www.nidcd.nih.gov/health/hearing/waard.asp

Yang, G., Croaker, D., Zhang, A., Manglick, P., Cartmill, T., & Cass, D. (1998). A dinucleotide mutation in the endothelin-B receptor gene is associated with lethal white foal syndrome (LWFS); a horse variant of Hirschsprung disease. Hum Mol Genet, 7(6), 1047-52. Retrieved December 22, 2008,

http://hmg.oxfordjournals.org/cgi/content/full/7/6/1047

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